„DAS BRETTCHEN RENNT“

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Wo fängt man so einfach wie kaum irgendwo seinen kapitalen Atlantiklachs, wo gibt’s dicke Meerforellen vom Ufer aus, wo fängt man zuverlässig Meterhechte, wo gibt’s Zander im Überfluss und wo ist der Fünfziger-Barsch realistisch? Ja, in Rügen (D). Die Ferieninsel der ehemaligen DDR bietet eine fantastische Fischerei und ist praktisch das ganze Jahr durch befischbar. Wir haben für Euch die schöne Ostseeinsel besucht.

Text und Bilder: Pascal Bader

Es ist April und wir sind wegen der Meerforellen und der Lachse hier. Am Flughafen in Berlin schnappen wir unser Mietauto und ab geht’s Richtung Rügen. Die Fahrt gestaltet sich recht entspannend, wenig Verkehr auf der Autobahn und eine gemütliche Pause in einer Raststätte – und schon sind die rund vier Stunden Anfahrt nach Glowe hinter uns. Wir treffen uns mit Thomas unserem Gastgeber und Trollingkapitän am späteren Nachmittag in einem Café in der Nähe der Bootsrampe. Er möchte uns diese eben zeigen, damit wir wissen, wo wir am folgenden Tag unser Boot einwassern können.

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Knapp vor der Küste lässt sich vorzüglich auf Meerforellen schleppen.

Die Begrüssung ist herzlich und bald schon geht das Gespräch ums Fischen – was sonst? Die vergangenen Tage waren nicht die besten, erfahren wir, was das Lachs-Trolling angeht. Der permanent starke Westwind machte ein Ausfahren zu den guten Fanggründen nur teilweise möglich, denn bei zwei Meter Welle ist an entspanntes Fischen nicht zu denken. Trotzdem gingen einige Lachse an die Haken der Angler.

Na ja, wir wollen uns vorerst sowieso die Meerforellen vornehmen – diese sind vor allem in Küstennähe zu fangen. Und die Windprognose macht Hoffnung, dass in zwei bis drei Tagen eine Entspannung der Lage in Sicht ist und wir den Angriff auf die Lachse wagen können.

Am nächsten Morgen sind wir früh auf, die Ausrüstung ist bereits im Auto, jetzt nur noch das Boot an die Anhängerkupplung und los geht’s.

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Mit leichten Blechlöffeln in aufreizenden Farben werden die Mefos an den Haken gelockt.

Im ehemaligen Sperrgebiet

Die Bucht zwischen Binz und Mukran liegt ablandig, das heisst, der Wind ist zwar stark, aber die Wellen sind wegen der geringen Distanz zum Ufer nur klein bis mässig gross. Dennoch ist ständig Vorsicht angesagt, denn mit dem kleinen Boot auf dem offenen Meer…!

Wir fischen mit Ruten-Planerboards und schnell laufenden Blechlöffeln – auf jeder Seite des Boots laufen drei Köder. Wir fahren parallel zum Strand, entlang des geschichtsträchtigen Prora-Gebäudekomplexes, der sich über viereinhalb Kilometer erstreckt. In Zeiten der DDR ein undenkbares Unterfangen – alles Sperrgebiet.

In fünf bis zehn Meter tiefem Wasser lassen wir die Löffel spielen und nach anfänglicher Beissflaute gehen dann die ersten Meerforellen an die Leinen. Wir können an diesem Tag etliche Bisse verzeichnen und auch einige gute Forellen landen. Dann gegen den späteren Nachmittag bekommen wir einen heftigen Biss am äusseren Brett – die starke Forelle springt mehrmals und nimmt Schnur von der Rolle. Wir drillen sie vorsichtig ans Boot, doch sie geht leider verloren, die hatte bestimmt an die 80 Zentimeter!

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Eine tolle 72er-Meerforelle. Es gibt aber noch weitaus stärkere Fische vor der Küste.

Weiter geht’s – wir diskutieren noch immer über den verlorenen Fisch, als das selbe Brett wieder nach hinten fliegt. Diesmal hält der Haken und bald darauf liegt eine super Meerforelle mit 72 Zentimetern im Kescher – was für ein Fisch!

Achtung Hornhechte!

«Wenn der Raps blüht kommen die Hornhechte», so heisst es. Und es trifft den Nagel auf den Kopf. Der Raps blüht – mindestens auf einigen Feldern auf Rügen – und wir fangen von Tag zu Tag mehr Hornhechte. Diese sind anfänglich eine nette Abwechslung, doch bald schon werden sie zur Plage. Denn sie gehen duzendweise an die Haken und müssen ständig gelöst werden. Das gibt unserem Zielfisch, der Meerforelle, weniger Gelegenheit anzubeissen. Also, wenn Du auf Mefos fischen möchtest, dann solltest Du unbedingt vor Ende April auf Rügen sein, besser noch im März.

Dennoch lassen wir uns die Gelegenheit nicht nehmen um einige der schlanken Räuber auch kulinarisch zu verwerten – sie schmecken ausgezeichnet!

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Die zahlreichen Hornhechte können eine wahre Plage sein.

Auf Lachs

Dann endlich lassen es die Bedingungen zu, dass wir eine Trolling Tour auf Atlantiklachse unternehmen können. Zwar ist der Wind immer noch ein Thema, doch er scheint sich etwas beruhigt zu haben. Das Boot von Thomas ist bestens ausgerüstet zum Lachsfischen und in der geschlossenen, beheizten Kabine hält man es auch gut aus, wenn es draussen ungemütlich sein sollte.

Thomas kennt die Gewässer vor Rügen «wie seine Westentasche», er weiss immer, wo sich ein Versuch am ehesten lohnt. Je nach Wettersituation plant er die passende Schlepproute. Trotzdem ist Sicherheit an Bord gross geschrieben – passt das Wetter nicht wird nicht ausgelaufen.

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Im Hafen von Glowe gehts fast nur um eins – Fischen!

Wir fahren bei grandiosem Wetter entlang der Kreidefelsen und passieren das Kap Arkona mit dem Leuchtturm. Die Fahrt geht etwa eine Stunde ehe wir die Fanggründe erreicht haben. Das Echolot zeigt 100 Fuss Tiefe, Zeit die «Fallen zu stellen». Unter uns sind Signale von Beutefischen zu sehen, mehrheitlich sind dies Heringe, welche die Hauptnahrung der Lachse sind. Doch in höheren Wasserschichten gibt es riesige Schwärme von Stichlingen und Sprotten. Die Lachse können also nicht weit sein! Vier Ruten laufen am Downrigger und vier an der Oberfläche mit Planers.

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Die Planerboards „Brettchen“ sind ideal um in den Wellen zu Schleppen.

Es gibt zahlreiche Signale von Lachsen, die wir auf dem Echolot ausmachen, sie «bewachen» jeweils kleinere Gruppen von Futterfischen. Doch weil sie offenbar schon satt sind, machen sie vorerst keine Anstalten unsere Köder zu packen. Über Funk erfahren wir von einzelnen Fängen auf anderen Booten.

Fish on!

Dann, wie aus dem Nichts pfeift eine Rolle auf! Das Brettchen rennt über die Wasseroberfläche nach hinten und die Rute wippt energisch. Endlich – der ersehnte Biss ist Realität! Mein Kumpel greift sich die Rute und los geht’s. In den Wellen stehend zu drillen und dabei das Gleichgewicht zu halten ist gar nicht so einfach, am besten geht’s, wenn man sich an die Rehling lehnt. Als der Lachs am Boot ist werden die Knie weich, ein toller Brocken schwimmt da neben dem Boot! Thomas setzt routiniert den Kescher ein… hochheben und ins Boot! Der Fisch hat etwa einen Meter und wiegt geschätzte acht Kilo – blankes Silber – Wahnsinn! Er ist auf den gleichen Löffel hereingefallen wie die grossen Meerforellen von Anfang Woche, die Farbe hat was…!

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Der Lohn – Atlantiklachs in Grösse XL.

Als sich die Euphorie auf dem Boot wieder etwas beruhigt hat, kommt der nächste Biss. Diesmal poppt die Downrigger Rute hoch und wieder beginnt die Multi zu singen. In einem ersten «run» nimmt der Lachs locker 50 Meter Schnur, erst jetzt können wir die Rute greifen. Es scheint ein noch grösserer Brocken zu sein – schnell werden die anderen Ruten eingeholt, um Raum für den Drill zu haben. Der Fisch lässt nicht locker und nimmt abermals Schnur, langsam kann ich ihn dann näher ans Boot pumpen. Er wechselt ein paar Mal die Bootsseite – hoffentlich hält der Haken! Schliesslich gelingt es den Fisch über den Kescher zu führen – mit geschätzten zwölf Kilogramm und 107 Zentimeter erfüllte er wohl jeden Anglertraum!

Dorsch überall

Auf dem Rückweg in den Hafen machen wir halt dicht an der Küste im Windschatten der Steilküste. Hier über dem felsigen Grund tummeln sich zahlreiche Dorsche. Thomas meint: «Die schmecken lecker zum Abendessen» – also probieren wir unser Glück. Schnell sind kräftige Ruten mit Stationärrollen aus der Kajüte geholt. An den Einhänger kommen schwere Jigs mit etwa 100 Gramm Gewicht und einem Gummifisch. Wir lassen uns langsam über die vorher ausgemachten Fischsignale treiben und heben und senken dabei die Jigs auf dem Grund. Es «rappelt» in regelmässigen Abständen, wobei wir schnell ein Duzend Dorsche im Boot haben, genügend also für unser Abendessen.

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Dorsche gibt es überall.

Dorsche können einfach vom Boot aus gefangen werden, wer es auf die grossen Exemplare abgesehen hat, der geht am besten mit einem Dorschkutter zu den bekannten Wracks weiter draussen. Da stehen die Chancen für grosse Dorsche ausgezeichnet.

Das ganze Jahr fischen

Rügen ist ein Paradies für Angler. Wo sonst kann man eine derart vielseitige Fischerei erleben wie hier? Von Januar bis Dezember – irgendwas geht immer auf Rügen, sei es Hecht, Dorsch, Meerforelle, Zander, Barsch, Hering oder Lachs.

Lachs:

Schleppfischen, Beste Zeit: Ab 15. Dezember bis April.

Meerforelle:

Schleppfischen/Küstenfischen, Beste Zeit: Ab 15 Dezember, bis Anfang Mai.

Zander:

Spinnfischen in den Bodden, Beste Zeit: Juli bis September (Stelasund, Brücke bei Stralsund, September bis November).

Es gibt schöne Zander…

Hecht:

Spinnfischen in den Bodden ( Schleppen in den Bodden verboten). Beste Zeit: Juli bis Februar (Im Winter die grossen) Schonzeiten, siehe Angelschein.

… und auch Hechte in den Bodden.

Barsch:

Spinnfischen, Beste Zeit: August bis Oktober.

Barsche gibts auch.

Hering:

Von der Brücke bei Stralsund, Ostsee oder Im Strelasund,
Beste Zeit: Mitte März bis mitte Mai.

Dorsch:

Pilkfischen oder Jiggen, Beste Zeit: September bis Dezember (ganzjährig möglich) Frisst zwischen 5° und 15 ° Celsius Wassertemperatur. Grossdorsche Wraktouren buchen (Fische von 80-90 cm).

Angelkarten

Diese können in den zahlreichen Angelläden auf Rügen gekauft werden. (Kosten: 12 Euro/Woche, 30 Euro/Jahr) Eine Angellizenz (CH: SANA, DE: Angellizenz, AT: Fischerausweis) muss vorgewiesen werden, im Notfall tuts auch der Personalausweis.

Angelkarte online kaufen

Touristen Fischereischein für Leute ohne Fischerlizenz (SANA) , Ostseeschein gültig für Ostsee und Bodden www.lallf.de

Boote mieten:

Auf den Bodden können an verschiedenen Orten Boote gemietet werden, die Preise liegen bei 60–70 Euro pro Tag. Führerscheinfrei sind Motoren von 5-15 PS. Ostseeboote nur mit See-Bootsschein, Binnenschein reicht nicht.

Lachstrolling Touren

Tagescharter ca. 450 Euro. Kann im Voraus oder vor Ort von Thomas vermittelt werden.

Perfekte Unterkunft für Angler

Sehr gut aufgehoben seid ihr in der «Dünenresidenz» in Glowe. Unser Guide Thomas Ulbricht betreibt in dieser schicken Siedlung zusammen mit seiner Frau Christina einige Ferienhäuser.

Diese sind wunderschön und mehr als zweckmässig ausgebaut, sie liegen ausserdem nur wenige Gehminuten entfernt vom kilometerlangen Sandstrand.

In der «Dünenresidenz» gibts einen Karpfenteich und einen grossen Spielplatz.

Jedes der Häuser hat extra ein Filetierhaus mit eigener Gefriertruhe, perfekt also für Angler, die sich ihren Fang selber zubereiten möchten. Thomas kennt die Gegend und vor allem die Fischerei rund um Rügen wie «seine Westentasche» und hat jederzeit einen guten Anglertipp für Euch oder vermittelt Boote oder Angelscheine. Es gibt auf der Anlage sogar einen Karpfenteich – allerdings nicht zum Angeln – und einen grossen Kinderspielplatz. Einkaufsmöglichkeiten sowie Restaurants gibt es unweit im Zentrum von Glowe.

Bei jedem Ferienhaus dabei.Der Filetier- und Gefrierschuppen.

Einfache Buchung

Gebucht werden können die Häuser auf der Internetseite: www.duenenhaus-glowe.de. Hier findet Ihr alle weiteren Infos.

Rügen für Nichtfischer

Rügen war in Zeiten der DDR «Die Ferieninsel» schlechthin! Und das zu Recht, denn die Insel bietet landschaftlich, wie auch klimatisch beste Voraussetzungen für einen Urlaub. Heutzutage, nach der Wende, ist die Infrastruktur ständig im Ausbau und speziell für Familien oder Wanderer gibt es vieles zu erleben. Gemütliche Strandhotels, Bootstouren um die Insel, Reitausflüge, Spaziergänge an den weissen Sandstränden, oder einen Ausflug ins nahe Stralsund ins Meeresmuseum bieten viel Abwechslung. Selbstverständlich kann in der Ostsee auch gebadet werden, die Wassertemperaturen im Sommer lassen es gerade so zu.

Der Sandstrand bei Glowe lädt zum spazieren ein.

Kartenausschnitt Glowe.
Karten: © OpenStreetMap-Mitwirkende, SRTM | Kartendarstellung: © OpenTopoMap (CC-BY-SA)

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