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FORELLDORADO

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Riesenforellen Island, Monsterforellen, Brown Trout, Thingvallavatn See, Alpenfischer, Petri HeilDer isländische See mit dem zungenbrecherischen Namen «Thingvallavatn» bietet eine der spektakulärsten Forellenfischereien der Welt. Im Folgenden führt Dich unser Autor Rasmus Ovesen an den Ort, der jedes Jahr irrsinnige Mengen von Monsterforellen hervorbringt.

Text und Bilder: Rasmus Ovesen

Der Biss kommt brutal und wild entschlossen, wie ein unerwarteter Schlag in den Magen. Mit einem 20 Meter-Wurf in den heulenden Gegenwind habe ich die Kante erreicht, die parallel zum Ufer verläuft und den Übergang vom Flachwasser in die tieferen Zonen anzeigt. Bevor ich überhaupt dazu komme einen eigentlichen Anschlag zu setzen, verneigt sich meine Rute bis zum Korkgriff und die Fliegenschnur läuft von der Rolle. Die Schnur rast durch die Wellen und schon bald zeigt sich das fluorgelbe Backing. Das gequälte Knurren der Fliegenrolle kommt einfach nicht zu einem Ende.

Aus dem Augenwinkel sehe ich die Umrisse einer ominösen Kreatur die sich in 60 Metern Entfernung in die Luft katapultiert. Sie erscheint eine kurze Zeit über den tosenden Wellen, bevor sie eindrücklich klatschend mit dem Rücken auf die Wasseroberfläche stürzt und glitzernde Wassertropfen meterhoch in die Luft sendet. Mein Herz rutscht mir in die Hose. Anschliessend zischt wieder Backing durch die Rutenringe meiner zum Halbkreis gebogenen Fliegenrute. Ich versuche meine Nerven zu beruhigen.

Adrenalin pur

Als der Fisch verlangsamt und scheinbar zum Stillstand kommt, geht der Kampf in eine neue Phase. Anstatt in Richtung tieferes Wasser zu flüchten, wälzt er sich verbissen an der Wasseroberfläche und versucht sich vom Haken zu befreien. Verzweifelt hänge ich mich in die zum Halbkreis gebogene Rute. Der Naturkorkgriff gibt Laute des Kampfes von sich. Langsam gewinne ich Oberhand und erkämpfe mir etwas Backing zurück. Der Fisch kommt näher ans Ufer und die Fliegenschnur ist nun in Sichtweite. Bald erhasche ich einen kurzen Blick auf die Forelle – es ist ein Anblick, der mir einen Schauder über den Rücken jagt. Der Fisch ist gross. Sehr gross!

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Es kann ganz schön rauh sein im Isländischen Sommer.

Nun geht es  darum einen konstanten Druck auf den Fisch auszuüben und ruhig zu bleiben. Die Fliege scheint gut im Fischmaul zu sitzen, aber die rasiermesserscharfen vulkanischen Felsen entlang des Ufers sind eine stete Gefahr. Sollte der Fisch unter einen solchen Stein gelangen können, wäre der Kampf zu meinen Ungunsten entschieden. Der Fisch ist noch nicht wirklich müde, aber er scheint sich der ernsten Situation nicht wirklich bewusst zu sein. Jedenfalls gelingt es mir die Forelle zum Kescher des isländischen Guides zu führen.

Als der Fisch zur Seite kippt und über den Kescherrand gleitet, erblicken wir eine furchteinflössende Forelle – ein massiver Fisch mit einem grossen kannibalischen Kopf, einer mächtigen Schwanzflosse, gepunkteten goldenen Flanken und grossen Augen, die vor den metallicblauen Kiemendeckeln sitzen. Die Forelle misst 93 cm und auch wenn sie nicht ganz so dick ist wie die meisten Fische im See, kommt sie wahrscheinlich auf fast 10 Kilo. Es ist ein wahrer Traumfisch der meinen angespannten Körper wie eine Blase mit Euphorie und Aufregung füllt.

Mein Freund, Martin Ejler Olsen, der den Kampf im Nahbereich verfolgt hat, schiesst eine schnelle Serie von Bildern mit dem bleischweren Himmel als Hintergrund. Schnell gebe ich den Fisch ins eiskalte Wasser des Sees zurück. Sofort findet er seine Orientierung wieder und verschwindet mit einem trotzigen Schwanzschlag in den azurblauen Tiefen.

Riesenforellen Island, Monsterforellen, Brown Trout, Thingvallavatn See, Alpenfischer, Petri HeilSee der Superlative

Wir sind am Thingvallavatn, einem grossen See am Fuss schneebedeckter Berge, der in einem alten Bett aus kargen Lavafeldern und moosigen Wiesen ruht. Es ist Anfang Juni, aber immer noch bitterkalt. Ein scharfer Nordwind bläst kühle Wellen auf des felsige Ufer.

Wir haben vier Tage Fliegenfischen vor uns. Und schon jetzt, nach unserem ersten Tag, sind mit fünf unglaublich schönen Brown Trouts – alle mehr als fünf Kilo schwer – unsere kühnsten Erwartungen übertroffen. Wir haben die Fische nah an der Küste gefangen, wo tieferes Wasser auf einige Untiefen trifft. Die Forellen haben uns verblüfft mit ihrer eleganten Farbgebung, dem kompakten Körperbau und ihrer unglaublichen Schönheit. Diese Eiszeit-Forellen biegen Haken auf, sprengen Vorfächer und leeren Fliegenrollen mit ihrer schieren Power. Ihre enorme Grösse begründet die Legende und macht den Thingvallavatn zu dem, was er ist: Ein Jurassic Lake mit Brown Trout.

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Die Fische halten sich teilweise in der Uferbrandung auf.

Fisch der Superlative

Die Thingvallavatn Brown Trout sind wirklich einzigartig. Ihre Genetik kann nach England zurückverfolgt werden. Von dort kamen sogenannte Sea-Run-Browns während der letzten Eiszeit an die isländischen Küsten und wanderten in verschiedene Flüsse ein. Durch eine dieser Wasserstrassen kamen die Fische in ein Gebiet, das vor 12000 Jahren wegen der massiven vulkanischen Aktivität vom Meer isoliert wurde. Der Thingvallavatn entstand durch eine Erhebung am südlichen Ende. So wurde aus einem reissenden Fluss ein See. Die zurückgebliebenen Forellen konnten sich ausgezeichnet anpassen und ihre Population wuchs in Grösse und Anzahl – auch noch lange nachdem die ersten Menschen im Zeitalter der Wikinger den Weg zum See gefunden hatten.

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Solche Fische gehen regelmässig an den Haken.

Erst der Bruch eines künstlich angelegten Damms am Südufer änderte die Situation. Viele Laichgebiete wurden zerstört und ein dramatischer Rückgang der Forellenbestände begann.

Die unglückliche Entwicklung konnte erst um die Jahrtausendwende gestoppt werden. Damals begannen Freiwillige damit einige kleine Seezuflüsse als Laichgebiete für die Forellen zu erschliessen. Im Jahr 2000 wurden erste Fortschritte registriert und in den letzten 15 Jahren besserten sich die Bestände wieder massiv. Als Ergebnis davon entwickelte sich auch die Fischerei phänomenal!

Die durchschnittliche Grösse der Thingvallavatn-Forelle bewegt sich um 3,5 Kilo und Fische mit acht Kilo werden regelmässig gefangen. Forellen mit zehn Kilo werden jedes Jahr erbeutet und der bestehende Rekord ist eine Brown Trout mit beeindruckenden 102cm und geschätzten 17 Kilogramm. Die Thingvallavatn-Forellen sind wahre Fressmaschinen. Sie gehören zu den schönsten und kämpferischsten Forellen der Welt. Ihr beeindruckender Körperbau und die enorme Wachstumsrate ist auf die gigantische Biomasse und die geothermischen Bedingungen des Sees zurückzuführen.

 

Die Thingvallavatn-Forellen sind Fischfresser. Es gibt vier verschiedene Unterarten von Saiblingen im See, die alle in grossen Mengen vorkommen und zusammen mit den geschätzten 85 Millionen Stichlingen eine reiche Nahrungsquelle darstellen. Zusätzlich können die Forellen mit Hilfe der Warmwasserquellen im See ihren Stoffwechsel ankurbeln. So verwerten sie ihre Nahrung bis zu zehn mal schneller als unter normalen Bedingungen. Ausserdem werden die Thingvallavatn-Forellen bis zu 15 Jahre alt. Da sie zum Teil nur alle drei bis vier Jahre laichen, stecken sie ihre gesamte Energie ins Grössenwachstum.

Der Weg zur Forelle

Die Fischerei im See ist sehr vielfältig. An ruhigen Tagen zum Beispiel ist die Sichtfischerei mit Nymphen und Trockenfliegen möglich. In den Mündungen einiger der Zuflüsse fischt man wie in einem Fluss mit Querstrom-Präsentationen, Mendings und Bissanzeigern. Wenn es stark windet, fischt man eher blind mit Streamern. Es ist eine ziemlich mühsame Art der Fischerei, bei der man systematisch die Küstenlinie mit Fischimitationen absucht. Hierbei werden dann allerdings die richtigen Thingvallavatn-Monster gefangen.

Der Zugang zum See kann ein wenig schwierig sein, da die meisten Uferabschnitte in Privatbesitz sind und nur wenige öffentliche Strassen vorhanden sind. Es gibt öffentliche Zugänge zum See am nördlichen Ende – im Nationalpark Thingvellir. Karten für den Nationalparkteil können über den staatlichen Patent-Anbieter Veidikortid gekauft werden. (www.veidikotid.is) Vor allem im Frühling und im Frühsommer kann die Fischerei dort sehr gut sein.

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Eine nette Nebenerscheinung in Island ist das Polarlicht, das in der Nacht sichtbar wird.

Die beste Fischerei des Sees bieten ohne Zweifel zwei Uferabschnitte die von ION-Fishing (www.ionfishing.is) verwaltet werden. Þorsteinsvík und Ölfusvatnsárós heissen diese beiden Beats. Und hier erlebt man die wohl beste Forellenfischerei auf der Welt. Aufgrund der stabilen Wassertemperaturen und der Nähe zu tiefem Wasser ist die Fischerei hier hervorragend – ab der Saisoneröffnung am 20. April bis zum Saisonabschluss am 15. September. Insgesamt sind vier Karten pro Tag auf Fly only- und C&R-Basis erhältlich. Die Karte kostet 300 Euro.

Turbulentes Ende

Während unserer Zeit am Thingvallavatn nahm der Wind stetig zu. An den letzten beiden Tagen wurde aus heftigem Wind allmählich ein regelrechter Sturm und schäumende Wellen schlugen ans kiesige Lava-Ufer. Es fiel uns immer schwerer die Fliegen irgendwie aufs Wasser zu bringen und so dachten wir bereits ans Aufgeben.

Das Schicksal meinte es aber gut mit uns und wir hatten das Glück ein letztes Fenster mit nachlassenden Winden zu erwischen. Durch die kleine, abgelegene Bucht, die wir bereits befischt hatten, zog ein riesiger Schwarm mit Fischen zwischen zwei und acht Kilogramm. Eine magische Stunde später hatten wir mehr Fische gelandet als wir zählen konnten, darunter einige kapitale Monsterforellen.

Riesenforellen Island, Monsterforellen, Brown Trout, Thingvallavatn See, Alpenfischer, Petri HeilAls wir den See verlassen, bewegen mich gemischte Gefühle. Einerseits haben wir gerade die beste Forellenfischerei unseres Lebens genossen, anderseits haben wir an den vier Tagen wohl nur an der Oberfläche gekratzt. Dieses Gefühl bestätigt sich, als ich eine Woche später von einem Kollegen erfahre, dass er an einem Abend, neben mehreren Fischen zwischen zwei und acht Kilogramm, drei Traumforellen mit den Gardemassen 90, 95 und 100 cm gelandet hatte.

Riesenforellen Island, Monsterforellen, Brown Trout, Thingvallavatn See, Alpenfischer, Petri HeilAls mein Flugzeug von Reykjavik abhebt beschäftigt mich eine Frage ganz besonders: Wohin kann ein Forellenfischer noch reisen, wenn er bereits an Islands Jurassic Lake gefischt hat. Die Antwort ist klar. Er muss zurück an den Thingvallavatn.

Karte:

 

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2 Kommentare

  1. Bürki Daniel am

    Darf ich mal in die Runde fragen, wo kann man im Schweizer Mittelland noch erschwingliches, natürliches, halbwegs erfolgreiches Angeln auf Salomoniden erleben? Grad wenn man nicht so ein dickes Portemonnaie hat und auch vorlauter Arbeiten keine Zeit um nach Bosnien oder Island zu reisen? Ich meine naturbelassene Flüsse, die nicht eigentliche Müllhalden sind und praktisch ohne Forellen.. Bäche Flüsse im Berner Oberland? Innerschweiz, Bündnerland? Oder muss man da wirklich ins umliegende Ausland? Wo ist die Schweiz hin, von der es immer hiess, das Schönste Fleckchen heile Welt überhaupt? Danke schonmal für Anregungen und Tipps!

    • admin-alpenfischer am

      Lieber Daniel
      Merci für deine Frage, die ich auch ein wenig als Statement lese. Pauschal betrachtet, sehe ich es auch so wie du. Wo sind die Salmoniden hin in unseren Gewässern? Wer hin und wieder im Ausland fischt, oder Berichte aus fernen Ländern liest, könnte meinen, dass bei uns betreffend Salmoniden alles im A….. ist. Ich denke allerdings, dass man die Sache differenzierter sehen kann. Grundsätzlich haben sich besonders im Mittelland die Bedingungen für die Forellen in den letzten 150 Jahren massiv verschlechtert. Die negativen Auswirkungen des rücksichtslosen und naiven Umgangs mit unseren Fliessgewässern liessen lange auf sich warten. Nun sind sie für einen Fischer offensichtlicher denn je.
      Allerdings hat man z. B. in Österreich vielerorts das gleiche Problem wie hier. Viele Gewässer sind in schlechtem Zustand und würden natürlicherweise nur noch einen geringen Salmonidenbestand aufweisen. Vor allem in touristisch interessanten Regionen wird das Problem relativ simpel gelöst. Es werden Massfische in grosser Zahl und gewünschter Grösse besetzt. Damit ist zumindest die nächste Saison gesichert. Eine zweite einfache Lösung, die oft zum Einsatz kommt: Beschränkte Anzahl Fischer + C&R (mehr oder weniger). Da es in der Schweiz keinen eigentlichen Fischerei-Tourismus gibt, sind solche nur beschränkt gesetzeskonformen Bestimmungen kaum zu finden.
      Bei den exotischeren Destinationen wie Kanada, Island, Alaska, Russland usw. ist die Erklärung einfach: Die Gewässer, die dort befischt werden, befinden sich in einem guten Zustand…wie bei uns vor 150 Jahren…da war der Rhein der grösste Lachsfluss Europas.
      Kurz gesagt: Nah, günstig und gut gibt es in der Schweiz kaum – über die wenigen Ausnahmen berichten wir.
      Das ist natürlich nur meine Meinung 🙂

      Beste Grüsse
      Nino

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